In der Schweiz ist der „Tag des Gletscherverlusts“ angebrochen: Was bedeutet das?
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In der Schweiz ist der sogenannte „Tag des Gletscherschwunds“ eingetreten – der Zeitpunkt, ab dem die Gletscher nicht mehr nur den Winterschnee verlieren, sondern direkt an eigener Masse einbüßen.
Nach Angaben der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) sind die Schneereserven der Schweizer Gletscher seit dem 29. Juni praktisch aufgebraucht. Nun bedeutet jeder Liter Schmelzwasser einen Rückgang des Eisvolumens.
Wissenschaftler bezeichnen dieses Datum als „Glacier Loss Day“.
Einfacher ausgedrückt: Der Gletscher „lebte“ von den Schneereserven des Winters. Doch diese Reserven sind nun aufgebraucht. Das gesamte weitere Schmelzwasser im Sommer fließt nicht mehr über das saisonale „Polster“, sondern direkt über den Gletscher selbst.
Was ist der „Glacier Loss Day“?
Gletscher funktionieren wie ein natürliches Bankkonto. Im Winter erhalten sie eine „Einzahlung“ – Schnee. Im Frühjahr und Sommer schmilzt ein Teil dieses Vorrats. In einem günstigeren Jahr schützt der Schnee den Gletscher länger.
Wenn jedoch wenig Schnee fällt, die Hitze früh einsetzt und die Eisoberfläche durch Staub dunkler wird, geht der Vorrat zu schnell zur Neige. Genau das ist in der Schweiz geschehen: Seit dem 29. Juni verringert das weitere Abschmelzen bereits die Gletschermasse.
Wissenschaftler betonen: Das bedeutet nicht, dass alle Gletscher verschwunden sind. Es bedeutet, dass sie zu früh „ins Minus gerutscht“ sind.
Warum dies so früh geschah
Der Jahresbeginn erwies sich für die Schweizer Gletscher als ungünstig. Im April war die Schneedecke auf einigen Gletschern rekordtief, auf anderen lag sie lediglich nahe am Durchschnittswert. Im März wurde Zuckerstaub in die Schweiz getragen: Er verdunkelt Schnee und Eis, wodurch die Oberfläche das Sonnenlicht schlechter reflektiert und sich schneller erwärmt. Dann setzte die Hitze ein.
Infolgedessen begann das Eis extrem schnell zu schmelzen. Nach Angaben der WSL ähnelt das aktuelle Schmelzbild dem des Jahres 2022 – dem schlimmsten Jahr für die Schweizer Gletscher seit Beginn der Aufzeichnungen. Damals verloren die Gletscher innerhalb eines Jahres etwa 6 % ihrer Masse.
Im Jahr 2022 trat der „Tag des Gletscherverlusts“ noch etwas früher ein – am 26. Juni. Doch das Jahr 2026 kommt nach Einschätzung der Wissenschaftler diesem Rekordszenario sehr nahe.
Warum dies nicht nur für die Berge wichtig ist
Gletscher sind nicht nur ein schöner Teil der Alpenlandschaft. Sie fungieren als Wasserreserve. In heißen und trockenen Perioden trägt das Schmelzwasser dazu bei, den Wasserstand der Flüsse aufrechtzuerhalten und die Wassertemperatur zu senken.
Dieses System funktioniert jedoch nur so lange, wie noch genügend Gletscher vorhanden sind. Zwischen den Extremjahren 2003 und 2022 hat die Schweiz rund 200 Quadratkilometer Eis verloren – eine Fläche, die fast so groß ist wie der Kanton Zug.
Und hier zeigt sich ein beunruhigendes Paradoxon: Im Jahr 2022 schmolzen die Gletscher stärker als im Jahr 2003, lieferten jedoch in den meisten untersuchten Einzugsgebieten weniger Schmelzwasser. Der Grund ist einfach: Es gibt weniger Gletscher.
Gletscher retten Flüsse, verschwinden aber selbst
In einer in „Hydrology and Earth System Sciences“ veröffentlichten Studie untersuchten Wissenschaftler 88 Gletschereinzugsgebiete in der Schweiz. Sie zeigten, dass die Gletscher im trockenen Jahr 2022 eine wichtige Rolle spielten: Ihr Abschmelzen trug dazu bei, den Mangel an Regen und Schnee teilweise auszugleichen.
Für die Gletscher selbst war dies jedoch eine schlechte Nachricht. Zwischen 60 % und 80 % des gesamten Gletscherschmelzwassers im Jahr 2022 entfiel auf einen Netto-Massenverlust – das heißt, die Gletscher gaben nicht nur saisonalen Schnee ab, sondern verbrauchten ihr eigenes „Kapital“.
Im Vergleich zum Jahr 2003 ging das Gesamtvolumen des Schmelzwassers im Jahr 2022 in etwa zwei Dritteln der untersuchten Einzugsgebiete während der Sommersaison zurück, trotz einer höheren Schmelzintensität pro Flächeneinheit. Die Autoren führen dies auf den starken Rückgang der Gletscherfläche zurück.
Einfach ausgedrückt
Wenn ein Gletscher groß ist, kann er stark schmelzen und dabei viel Wasser in die Flüsse abgeben.
Wenn ein Gletscher kleiner wird, führt selbst extreme Hitze nicht mehr immer zu mehr Wasser. Es ist einfach weniger Eis vorhanden.
Daher birgt die aktuelle Situation eine doppelte Gefahr: Kurzfristig hilft das Schmelzwasser den Flüssen bei Hitze und Dürre, langfristig jedoch schwindet diese Reserve rasch.
Wie geht es weiter?
Bislang sagen die Wissenschaftler nicht, dass es im Jahr 2026 definitiv einen neuen absoluten Rekord beim Eisverlust geben wird. Die Ergebnisse der Saison lassen sich erst nach den Messungen im Sommer und Herbst beurteilen.
Doch der Saisonstart ist bereits besorgniserregend. Nach Angaben von GLAMOS lag die Schmelzrate Ende Juni etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Jahre 2010–2020, und die Werte näherten sich den Rekordwerten von Ende Juni 2022 an.
Um ein besonders schweres Jahr zu vermeiden, benötigen die Gletscher eine seltene Kombination: einen kühlen Sommer, Bewölkung und Neuschnee in den Höhenlagen. Ohne diese Faktoren wird jeder weitere heiße Tag die Gletschermasse unmittelbar verringern.
Hintergrund
Die Schweizer Gletscher schmelzen rapide vor dem Hintergrund wärmerer Sommer, schwacher Winterschneefälle und wiederkehrender Hitzewellen. Besonders schwerwiegend war das Jahr 2022, in dem die Gletscher etwa 6 % ihrer Masse verloren, und die aktuelle Saison entwickelt sich nach ersten Anzeichen in eine ähnliche Richtung.
Das Problem geht über die Bereiche Ökologie und Tourismus hinaus. Gletscher beeinflussen Flüsse, die Wasserkraft, die Landwirtschaft, die Wassertemperatur und die Stabilität von Berghängen. Je weniger Eis übrig bleibt, desto schwächer wird dieses natürliche Stützsystem.
Quelle
Wichtige Daten: ETH Zürich, WSL und GLAMOS zum Eintreten des „Glacier Loss Day“ am 29. Juni 2026. Zudem wurde die Studie von Marit van Tiel, Matthias Huss, Massimiliano Zappa, Tobias Jonas und Daniel Farinotti mit dem Titel „Swiss glacier mass loss during the 2022 drought: persistent streamflow contributions amid declining melt water volumes“ herangezogen, die 2026 in der Fachzeitschrift „Hydrology and Earth System Sciences“ veröffentlicht wurde.
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Mykola Potyka verfügt über ein breites Spektrum an Kenntnissen und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen. Mykola schreibt auf interessante Weise über Dinge, die ihn interessieren.













