Warum haben Tintenfische ein so großes Gehirn?
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Kraken gelten seit langem als einige der ungewöhnlichsten Tiere des Ozeans. Sie öffnen Behälter, lösen Aufgaben, ändern ihre Färbung, verstecken sich, jagen auf verschiedene Arten und scheinen ständig darüber „nachzudenken“, wie sie sich aus einer schwierigen Situation befreien können.
Aber warum verfügen sie überhaupt über ein so hochentwickeltes Gehirn? Normalerweise erklären Wissenschaftler das große Gehirn bei Tieren mit ihrem sozialen Leben: Wenn es notwendig ist, in einer Gruppe zu leben, Artgenossen zu erkennen, miteinander zu konkurrieren, zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen, wird das Gehirn größer.
Bei Tintenfischen lässt sich diese Logik jedoch nur schwer anwenden. Viele von ihnen leben als Einzelgänger. Eine neue Studie legt nahe, dass sich das große Gehirn der Kopffüßer möglicherweise nicht aufgrund sozialer Interaktion entwickelt hat, sondern aufgrund einer komplexen und gefährlichen Umgebung, in der sie ständig nach Nahrung suchen, sich verstecken und schnelle Entscheidungen treffen müssen.
Die Arbeit wurde in iScience veröffentlicht; eine Version der Studie ist zudem auf bioRxiv frei zugänglich.
Details
Die Forscher untersuchten Daten zu 79 Arten von Kopffüßern – Tintenfischen, Kalmaren und Sepien. Sie verglichen die Gehirngröße mit der Lebensweise, dem Lebensraum, der Tiefe, dem Verhalten und dem Grad der Sozialität.
Das Ergebnis war überraschend: Bei den Kopffüßern ließ sich die Gehirngröße nicht durch das Sozialleben, sondern durch die ökologischen Bedingungen besser erklären. Arten, die näher am Meeresboden und in einer komplexeren Umgebung leben, wiesen häufiger ein größeres Gehirn auf. Arten aus der Tiefsee oder dem offenen Ozean hatten hingegen im Durchschnitt ein kleineres Gehirn.
Einfacher ausgedrückt: Je komplexer der Lebensraum eines Tieres ist, desto mehr Aufgaben muss es bewältigen.
Warum der Lebensraum so wichtig ist
Ein Oktopus, der inmitten von Felsen, Riffen, Verstecken und Raubtieren lebt, muss ständig Entscheidungen treffen. Wo kann er sich verstecken? Wo findet er Beute? Wie öffnet er eine Muschel? Wie entkommt er einem Feind? Wie ändert er seine Färbung, um sich dem Hintergrund anzupassen?
Im offenen Ozean gibt es möglicherweise weniger solcher „Knacknüsse“. Dort ist die Umgebung eintöniger: weniger Verstecke, weniger komplexe Oberflächen, weniger Möglichkeiten, Gegenstände zu nutzen oder sich in Spalten zu verstecken.
Daher könnte sich das Gehirn der am Meeresboden lebenden Arten nicht deshalb vergrößert haben, weil sie kommunizieren mussten, sondern weil sie in einer komplexen Welt überleben mussten.
Kraken sind Einzelgänger, aber keine einfachen
Viele intelligente Tiere sind sozial. So leben beispielsweise Primaten, Delfine, Elefanten und Krähen in komplexen sozialen Systemen. Daher war lange Zeit die Vorstellung verbreitet, dass ein großes Gehirn in erster Linie für die Kommunikation und das Leben in der Gruppe entstanden sei.
Kraken durchbrechen dieses Schema. Sie leben oft allein, knüpfen keine dauerhaften sozialen Bindungen und weisen keine komplexen Gruppenhierarchien auf, wie dies bei Affen oder Delfinen der Fall ist. Dennoch zeigen sie komplexes Verhalten: Sie lernen, merken sich Dinge, erforschen Objekte, ändern ihre Jagdstrategien und nutzen Tarnung.
Die Autoren der Studie sind der Ansicht, dass Kopffüßer einen anderen Weg zur Intelligenz aufzeigen: nicht über die Gesellschaft, sondern über die Umwelt. Diese Idee wird als Hypothese des asozialen Gehirns bezeichnet. Sie geht davon aus, dass sich auch bei Einzelgängern ein großes Gehirn entwickeln kann, wenn die Umwelt komplex genug ist und die Fähigkeit zum Lernen belohnt.
Einfach ausgedrückt: Wozu braucht ein Oktopus ein großes Gehirn?
Ein Oktopus muss nicht nur schwimmen und fressen. Er muss ständig praktische Aufgaben lösen.
Er muss Beute finden, die sich versteckt.
Er muss sich selbst vor Raubtieren verstecken.
Er muss schnell seine Körperfarbe und -form ändern.
Er muss sich merken, wo sich Verstecke befinden.
Er muss verstehen, wie er Nahrung aus einer Muschel, einer Spalte oder einem Panzer herausholen kann.
Eine solche Lebensweise erfordert Flexibilität. Und Flexibilität erfordert ein komplexes Nervensystem.
Warum diese Erkenntnis wichtig ist
Die Studie zeigt: Intelligenz bei Tieren könnte auf unterschiedlichen Wegen entstanden sein. Bei einigen Arten vergrößerte sich das Gehirn aufgrund ihres sozialen Lebens. Bei anderen aufgrund einer komplexen Umgebung, der Jagd, von Verstecken, Raubtieren und der Notwendigkeit, Aufgaben schnell zu lösen.
Dies ist wichtig, da Tintenfische, Kalmare und Sepien evolutionär gesehen sehr weit vom Menschen entfernt sind. Ihr Stammbaum hat sich vor Hunderten von Millionen Jahren von dem der Wirbeltiere getrennt. Wenn sich auch bei ihnen große Gehirne und komplexes Verhalten entwickelt haben, bedeutet dies, dass die Natur Intelligenz auf unterschiedliche Weise „erfinden“ kann.
Mit anderen Worten: Kraken sind nicht deshalb intelligent geworden, weil sie denselben Weg eingeschlagen haben wie Menschen, Affen oder Delfine. Sie haben ihren eigenen Weg gefunden.
Hintergrund
Kraken wecken seit langem das Interesse der Wissenschaftler, da ihr Nervensystem ungewöhnlich aufgebaut ist. Ein erheblicher Teil der Neuronen befindet sich nicht nur im „Kopf“, sondern auch in den Tentakeln. Dies ermöglicht es den Tentakeln des Oktopus, komplexe Bewegungen auszuführen und sehr flexibel auf die Umwelt zu reagieren.
Daher wirken Tintenfische unter den Meerestieren fast wie Außerirdische. Sie ähneln uns nicht, leben nicht wie wir, denken nicht wie wir – und lösen dennoch komplexe Aufgaben.
Eine neue Studie ergänzt dieses Bild um einen wichtigen Gedanken: Ein großes Gehirn kann nicht nur dort entstehen, wo es eine Gesellschaft gibt, sondern auch dort, wo die Umwelt selbst den Tieren tagtäglich schwierige Aufgaben stellt.
Quelle
Studie: Kiran Basava et al., „Ecological not social factors explain brain size in cephalopods“, iScience, 2026.
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Mykola Potyka verfügt über ein breites Spektrum an Kenntnissen und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen. Mykola schreibt auf interessante Weise über Dinge, die ihn interessieren.












