Bei Personen, die häufig fernsahen, wurden Jahrzehnte später Veränderungen im Gehirn festgestellt

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Was man im Gehirn von Menschen festgestellt hat, die im mittleren Alter häufig ferngesehen haben
Quelle: JESHOOTS.com von Pexels
22:00, 20.07.2026

Die alte Warnung, dass Fernsehen „das Gehirn ruiniert“, hat eine unerwartete – wenn auch keineswegs wörtliche – wissenschaftliche Fortsetzung gefunden. Bei Menschen, die im mittleren Alter häufig fernsahen, wurden mehr als 20 Jahre später Unterschiede in der Gehirnstruktur festgestellt.



Bei der MRT wiesen sie kleinere Bereiche auf, die an der Gedächtnisbildung beteiligt sind, und in der weißen Substanz traten häufiger Anzeichen für Schäden an kleinen Blutgefäßen auf. Derartige Veränderungen werden mit der Alterung des Gehirns, einem Rückgang der kognitiven Fähigkeiten und einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung gebracht.

Die Studie beweist jedoch nicht, dass Fernsehen das Gehirn schrumpfen lässt oder Alzheimer verursacht. Die Wissenschaftler stellten zwar einen Zusammenhang zwischen dieser Gewohnheit und den MRT-Befunden fest, konnten dessen Ursache jedoch nicht ermitteln.

Details

Die Forscher analysierten die Daten von rund 1.700 Teilnehmern des amerikanischen ARIC-Projekts, das sich mit der Gesundheit von Herz, Gefäßen und Gehirn befasst.

Die Beobachtungen begannen in den Jahren 1987–1989. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug damals 53 Jahre. Sie wurden gefragt, wie oft sie in ihrer Freizeit fernsehen und wie viel Zeit ihres Arbeitstages sie im Sitzen verbringen.

Die Antworten fielen recht allgemein aus: „nie oder selten“, „manchmal“, „oft“ und „sehr oft“. Die genaue Anzahl der Stunden vor dem Bildschirm wurde von den Forschern nicht gemessen.

Mehr als zwei Jahrzehnte später wurde bei den Teilnehmern eine MRT-Untersuchung des Gehirns durchgeführt. Anschließend verglichen die Wissenschaftler die Aufnahmen mit den Antworten, die die Personen im mittleren Alter gegeben hatten.

Bei denjenigen, die häufig oder sehr häufig fernsahen, war das Volumen bestimmter Hirnareale geringer als bei Menschen, die den Fernseher fast nie einschalteten.

Die Unterschiede betrafen den Hippocampus und den entorhinalen Kortex – Bereiche, die für die Bildung und Speicherung von Erinnerungen notwendig sind. Gerade diese Bereiche können bei der Alzheimer-Krankheit als erste Veränderungen aufweisen.

Ebenfalls kleiner waren bestimmte Bereiche der Stirn- und Hinterhauptlappen. Die Stirnlappen sind an der Planung, Entscheidungsfindung und Verhaltenskontrolle beteiligt, während die Hinterhauptlappen in erster Linie visuelle Informationen verarbeiten.

Zudem wiesen die Fernsehliebhaber mehr Bereiche mit erhöhter Intensität in der weißen Substanz auf. Auf MRT-Aufnahmen erscheinen diese als helle Flecken und können auf eine Schädigung der kleinen Hirngefäße hinweisen. Solche Veränderungen treten mit zunehmendem Alter häufiger auf und stehen im Zusammenhang mit dem Risiko für Schlaganfälle und kognitive Beeinträchtigungen.

Dieser Zusammenhang blieb bestehen, nachdem die Forscher Faktoren wie körperliche Aktivität, Diabetes, Body-Mass-Index, Rauchen und Alkoholkonsum berücksichtigt hatten.

Es lag nicht nur am Sitzen

Das überraschendste Ergebnis ergab sich aus dem Vergleich zwischen Fernsehen und sitzender Arbeit.

Teilnehmer, die einen Großteil ihrer Arbeitszeit im Sitzen verbrachten, wiesen nicht dieselben MRT-Befunde auf. Darüber hinaus waren bei ihnen bestimmte Hirnareale größer, während Anzeichen einer Schädigung der weißen Substanz seltener auftraten.

Das bedeutet nicht, dass sitzende Arbeit das Gehirn schützt. Büroangestellte können sich hinsichtlich Bildungsniveau, Einkommen, Zugang zu medizinischer Versorgung und Komplexität der auszuführenden Aufgaben unterscheiden. In einer Beobachtungsstudie ist es unmöglich, den Einfluss dieser Faktoren vollständig voneinander zu trennen.

Die Autoren vermuten, dass nicht nur die Bewegungsarmut, sondern auch die Art der Tätigkeit eine Rolle spielt. „Sitzende Arbeit“ erfordert häufig Aufmerksamkeit, Planung, Gedächtnisleistung und Kommunikation. Das Fernsehen hingegen setzt in der Regel eine eher passive Informationsaufnahme voraus.

Bislang handelt es sich hierbei lediglich um eine mögliche Erklärung. Die Forscher haben weder den Inhalt der Sendungen noch den Grad der Einbindung des Zuschauers noch andere Tätigkeiten, denen dieser möglicherweise gleichzeitig nachging, bewertet.

Aus den Ergebnissen lässt sich auch nicht der Schluss ziehen, dass jede Art von Arbeit am Computer gesünder sei als eine abendliche Fernsehserie. Die Studie bezieht sich auf die Fernsehgewohnheiten der späten 1980er Jahre und nicht auf moderne Streaming-Dienste, soziale Netzwerke, Videospiele oder Smartphones.

Warum Männer stärker hervorstechen

Als die Daten nach Geschlecht aufgeschlüsselt wurden, wurden die meisten Zusammenhänge zwischen dem Fernsehen und der Gehirnstruktur bei Männern festgestellt.

Der Grund dafür ist unbekannt. Mögliche Ursachen sind biologische Unterschiede, Besonderheiten des Lebensstils oder ein statistischer Effekt, der durch die Aufteilung der Stichprobe in kleinere Gruppen entstanden ist.

Das Ergebnis bedeutet nicht, dass häufiges Fernsehen für Frauen unbedenklich ist. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede müssen in neuen Studien bestätigt werden, die speziell auf einen solchen Vergleich ausgelegt sind.

Was die Studie nicht belegt hat

Bei den Teilnehmern wurde zum Zeitpunkt der ersten Befragung keine MRT-Untersuchung des Gehirns durchgeführt. Daher wissen die Wissenschaftler nicht, ob sich das Gehirnvolumen in den folgenden Jahrzehnten verändert hat oder ob die Unterschiede bereits von Anfang an bestanden.

Auch eine umgekehrte Wechselwirkung ist möglich. So könnten beispielsweise der Gesundheitszustand, das kognitive Leistungsniveau, der Bildungsstand oder bestimmte Verhaltensmerkmale gleichzeitig sowohl die Fernsehgewohnheiten als auch die Ergebnisse der späteren MRT-Untersuchung beeinflusst haben.

Zudem wurde die Häufigkeit des Fernsehkonsums anhand der Angaben der Teilnehmer selbst und lediglich anhand von vier groben Kategorien erfasst. Die Menschen könnten sich ungenau an ihre Gewohnheiten erinnert haben und diese im Laufe von 20 Jahren vollständig geändert haben.

Nur ein Teil der Teilnehmer der Langzeitstudie erreichte die MRT-Phase. Die Personen, die einer Untersuchung zustimmten und lange genug lebten, um diese durchführen zu lassen, könnten gesünder gewesen sein als die übrigen. Auch dies könnte die Ergebnisse beeinflusst haben.

Schließlich sind ein geringeres Volumen bestimmter Hirnregionen und Herde in der weißen Substanz noch keine Diagnose für Demenz. Die Studie lieferte keine Erkenntnisse darüber, wie viele Teilnehmer an Alzheimer erkrankten und ob die vor dem Fernseher verbrachte Zeit die Ursache für die Erkrankung war.

Warum dies wichtig ist

Studien zum sitzenden Lebensstil konzentrieren sich in der Regel auf die Anzahl der Stunden ohne Bewegung. Die neue Studie zeigt, dass es möglicherweise falsch ist, alle sitzenden Aktivitäten in einer einzigen Kategorie zusammenzufassen.

Lesen, Brettspiele, Gespräche, geistige Arbeit und passives Fernsehen können völlig unterschiedliche Anforderungen an das Gehirn stellen, obwohl die Person in all diesen Fällen im Sessel sitzt.

Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnten Empfehlungen für gesundes Altern nicht nur die Dauer des Sitzens, sondern auch den Inhalt der jeweiligen Tätigkeit berücksichtigen. Die vorliegende Studie lässt es jedoch bislang nicht zu, einen sicheren Grenzwert für das Fernsehen festzulegen oder zu versprechen, dass der Wechsel von einer Fernsehserie zu einem Rätselspiel Demenz verhindern würde.

Für den durchschnittlichen Zuschauer bedeutet diese Erkenntnis nicht, dass ein einzelner Abend vor dem Bildschirm gefährlich ist. Die Studie bezieht sich auf eine im mittleren Lebensalter fest verankerte Gewohnheit und zeigt einen statistischen Zusammenhang auf Gruppenebene auf, nicht jedoch das Schicksal eines einzelnen Menschen.

Hintergrund

Die weiße und graue Substanz des Gehirns verändern sich mit zunehmendem Alter allmählich. Eine Verringerung des Volumens des Hippocampus und des entorhinalen Kortex kann mit einem Gedächtnisverlust einhergehen, während sich Schäden an den kleinen Blutgefäßen auf den Zustand der weißen Substanz auswirken.

Körperliche Aktivität gilt als einer der Faktoren, die mit einem gesünderen Altern des Gehirns in Verbindung stehen. Doch Bewegungsmangel ist nur eine mögliche Auswirkung des langen Fernsehkonsums. Auch die Ernährung während des Fernsehens, Schlafstörungen, soziale Isolation und ein Mangel an geistiger Anregung können eine Rolle spielen.

Frühere Studien haben bereits ähnliche Zusammenhänge festgestellt. So wurde beispielsweise im amerikanischen CARDIA-Projekt festgestellt, dass häufiges Fernsehen über einen Zeitraum von 20 Jahren mit einem geringeren Volumen der grauen Substanz im mittleren Lebensalter in Verbindung stand. Allerdings handelte es sich auch bei dieser Studie um eine Beobachtungsstudie, die keinen Kausalzusammenhang nachweisen konnte.⁠

Die neue Studie erweitert das Bild: Sie untersucht mehr Hirnregionen, den Zustand der weißen Substanz sowie die Unterschiede zwischen Fernsehen und sitzender Tätigkeit am Arbeitsplatz.

Quelle

Studie von Nathan Feter, Anamika Nanda, Sarah Khurihan, David Reichlen und ihrer Kollegen mit dem Titel „Associations of distinct sedentary behaviors with cortical, subcortical, and white matter hyperintensity volumes: Evidence from the ARIC study“wurde im Jahr 2026 in der Fachzeitschrift „Alzheimer’s & Dementia“ veröffentlicht.

Elena Rasenko

Elena Rasenko schreibt über Neuigkeiten aus Wissenschaft, gesunder Lebensweise und Psychologie und teilt ihre Tipps und Tricks zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

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