Noch bevor die Hände entstanden: Ein urzeitliches Tier ohne Gliedmaßen erwies sich als „Rechtshänder“

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„Rechtshändigkeit“ ist älter als die Hände selbst: Was man in den Fossilien gefunden hat
Ein Fossil von Spriggina floundersi, das in Südaustralien gefunden wurde. Da solche Fossilien Spiegelbilder der ursprünglichen Tiere bewahren, bedeutet die nach links gerichtete Krümmung im Gestein, dass sich das Tier zu Lebzeiten nach rechts gekrümmt hat. Bildnachweis: Scott Evans / AMNH.
22:00, 09.07.2026

Dieses Lebewesen hatte weder Arme noch Beine. Es lebte vor etwa 550 Millionen Jahren auf dem Meeresgrund, lange bevor die uns bekannten Tiere entstanden. Doch anscheinend hatte es bereits eine „Lieblingsseite“.



Wissenschaftler untersuchten Fossilien des urzeitlichen Organismus Spriggina floundersi aus Südaustralien und stellten dabei eine merkwürdige Regelmäßigkeit fest: Viele Exemplare waren in eine Richtung gekrümmt. Da sich die Abdrücke im Gestein spiegelbildlich erhalten haben, bedeutet dies, dass sich die Tiere zu Lebzeiten wahrscheinlich häufiger nach rechts krümmten.

Sollte sich diese Schlussfolgerung bestätigen, könnte dies eines der ältesten bekannten Beispiele für Lateralisierung – die Bevorzugung einer Körperhälfte – in der Tierwelt sein. Einfacher ausgedrückt handelt es sich um ein entferntes evolutionäres Äquivalent zur „Rechtshändigkeit“, obwohl Spriggina natürlich keine echten Hände besaß.

Details

Spriggina floundersi lebte im Ediacarium – etwa Dutzende Millionen Jahre vor der kambrischen „Explosion“, als sich das tierische Leben rasch zu diversifizieren begann. Es war eine Zeit, in der auf der Erde bereits große vielzellige Organismen auftauchten, die sich fortbewegen konnten und einen komplexeren Körperbau aufwiesen.

Spriggina gilt als einer der frühesten Organismen mit bilateraler Symmetrie. Das bedeutet, dass bei ihr ein Vorder- und Hinterteil, eine Ober- und Unterseite sowie eine linke und rechte Seite zu unterscheiden sind. Dieser Körperbau bildete später die Grundlage für die meisten heutigen Tiere – von Würmern und Insekten bis hin zu Fischen, Vögeln und dem Menschen.

Die Forscher untersuchten mehr als 100 gut erhaltene Spriggina-Fossilien aus dem Fundort Nilpena im Ediacara-Nationalpark sowie aus den Sammlungen des South Australia Museum. Diese Abdrücke sind wie Aufnahmen des urzeitlichen Meeresbodens, auf dem die Organismen – vermutlich nach Stürmen – rasch von Sedimenten bedeckt wurden.

Was genau wurde gefunden?

Auf den ersten Blick erscheint der Fund einfach: Viele Spriggina-Abdrücke waren leicht gekrümmt. Entscheidend ist jedoch nicht die Krümmung an sich, sondern die Richtung.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass etwa doppelt so viele Exemplare auf dem Gestein nach links gekrümmt waren wie nach rechts. Die Ediacara-Abdrücke bewahren jedoch ein Spiegelbild des Körpers. Daher bedeutet eine Krümmung nach links auf dem Gestein, dass sich das Tier zu Lebzeiten nach rechts gekrümmt hat.

Genau das macht das Ergebnis interessant. Wären die Krümmungen zufällig – bedingt durch Strömung, Sedimentdruck oder postmortale Verformung –, hätten die Wissenschaftler eine gleichmäßigere Verteilung nach rechts und links erwartet. Eine beständige Tendenz zu einer Seite könnte jedoch auf eine verhaltensbedingte oder biologische Asymmetrie hindeuten.

Warum dies einer „Rechtshändigkeit“ ähnelt

Wenn wir von „Rechtshändern“ oder „Linkshändern“ sprechen, meinen wir damit normalerweise die Hand, mit der eine Person schreibt, isst oder einen Gegenstand wirft. In der Biologie ist dieser Begriff jedoch weiter gefasst. Viele Tiere zeigen eine Präferenz für eine bestimmte Körperseite: So drehen sie sich beispielsweise häufiger in eine Richtung, nutzen ein Auge zur Beobachtung eines Objekts oder eine Pfote für eine bestimmte Handlung.

Dies wird als Lateralisierung bezeichnet. Sie hängt damit zusammen, dass die linke und die rechte Seite des Körpers oder des Nervensystems Aufgaben möglicherweise auf leicht unterschiedliche Weise ausführen.

Warum ist das wichtig?

Sollte sich Spriggina tatsächlich häufiger nach rechts gebogen haben, bedeutet dies, dass die Lateralisierung bereits sehr früh in der Geschichte der Tiere entstanden sein könnte – noch vor dem Aufkommen komplexer Gliedmaßen, einer Wirbelsäule, moderner Augen und der uns vertrauten Verhaltensweisen.

Dies könnte auch darauf hindeuten, dass die nervliche oder sensorische Organisation solcher urzeitlichen Lebewesen komplexer war, als es der flache Abdruck im Gestein vermuten lässt. Heutige Tiere mit einer ausgeprägten Präferenz für eine Seite verfügen oft über hochentwickelte Fähigkeiten zur Wahrnehmung der Umwelt und zur Bewegungskoordination.

Doch hier gilt es, nicht zu weit zu gehen. Die Fossilien zeigen nicht das Gehirn von Spriggina und lassen keine Rückschlüsse darauf zu, wie genau ihr Nervensystem funktionierte. Sie liefern lediglich einen indirekten Hinweis: Die Körperform war zum Zeitpunkt der Begrabung häufiger zu einer Seite hin gekrümmt.

Hintergrund

Das Ediacarium erstreckte sich etwa von vor 635 bis vor 538 Millionen Jahren. Es ist eine der rätselhaftesten Phasen der Lebensgeschichte. Damals tauchten in den Meeren große Weichtiere auf, von denen viele keinen Ähnlichkeit mit heutigen Tieren aufweisen.

Fossilien aus Südaustralien sind besonders wichtig, da sie ganze Lebensgemeinschaften des urzeitlichen Meeresbodens bewahrt haben. Solche Funde ermöglichen es, nicht nur die Gestalt der Organismen zu untersuchen, sondern auch mögliche Spuren ihres Verhaltens: wie sie lagen, sich bewegten und mit ihrer Umgebung interagierten.

Spriggina ist einer der bekanntesten Vertreter der Ediacara-Biota. Sie wurde nach dem Geologen Reg Sprigg benannt, der als einer der Ersten die Bedeutung dieser uralten Fossilien im australischen Hinterland erkannte.

Warum diese Entdeckung außergewöhnlich ist

Normalerweise betrachten wir „Rechtshänder“ und „Linkshänder“ als etwas Menschliches. Doch die Bevorzugung einer Körperhälfte kommt bei vielen Tieren vor: bei Vögeln, Säugetieren, Tintenfischen und Insekten. Die neue Studie zeigt, dass die Wurzeln dieses Phänomens weitaus tiefer liegen könnten – bis in die frühesten Stadien der Tierentwicklung.

Mykola Potyka

Mykola Potyka verfügt über ein breites Spektrum an Kenntnissen und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen. Mykola schreibt auf interessante Weise über Dinge, die ihn interessieren.

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