Die Geschichte eines uralten Kieferknochens. Vor 90.000 Jahren erlitt ein Mensch eine Verletzung durch einen scharfen Gegenstand – und wurde beigesetzt

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Ein urzeitlicher Kiefer enthüllte das Drama des Homo sapiens vor 90.000 Jahren
Schädel und Unterkiefer des Individuums „Qafzeh 25“. Quelle: Ana Pantoja et al.
21:00, 08.07.2026

Ein einziger urzeitlicher Kiefer erzählte gleich mehrere Geschichten: von Schmerz, Überleben, möglicher Gewalt und Bestattung. Wissenschaftler untersuchten die Überreste des Menschen „Qafzeh 25“ aus der Qafzeh-Höhle in Israel erneut und entdeckten Spuren einer Verletzung, die einer Wunde durch einen scharfen Gegenstand ähnelte.



Dieser Mensch lebte vor mehr als 90.000 Jahren. Die Verletzung betraf den Unterkiefer und einen der unteren Zähne, doch der Knochen hatte bereits begonnen, zu verheilen. Das bedeutet, dass der Mensch nicht unmittelbar nach der Verletzung starb, sondern noch eine gewisse Zeit weiterlebte.

Die Studie wurde in „Scientific Reports“ veröffentlicht.

Details

Die Überreste von Qafzeh 25 stammen aus der Qafzeh-Höhle – einer bedeutenden Fundstätte auf dem Gebiet des heutigen Israels. Dort wurden einige der frühesten Überreste des Homo sapiens außerhalb Afrikas gefunden. Die neue Analyse bezog sich auf einen Menschen, der Schätzungen zufolge vor 92.000 bis 145.000 Jahren lebte.

Die Forscher wandten mehrere Methoden an: eine allgemeine Untersuchung, mikroskopische Analyse und Computertomographie. Dieser Ansatz ermöglicht es, nicht nur die Knochenoberfläche, sondern auch innere Details zu erkennen, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind.

Am Unterkiefer und an einem der unteren Prämolaren fanden die Wissenschaftler eine lineare Verletzung. Von der Form her ähnelt sie einer Spur, die von einem scharfen Gegenstand stammt. Um die Wunde herum waren Anzeichen einer Heilung zu erkennen: Der Knochen hatte nach der Verletzung bereits begonnen, sich neu zu bilden.

Was könnte dies gewesen sein?

Die faszinierendste Hypothese ist ein Konflikt zwischen Menschen. Sollte die Wunde tatsächlich durch einen scharfen Gegenstand entstanden sein, könnte dies auf einen der frühesten Fälle von Gewalt in der Geschichte des Homo sapiens hindeuten.

Hier ist jedoch Vorsicht geboten. Anhand eines einzigen Kieferknochens lässt sich nicht die gesamte Szene rekonstruieren. Die Wissenschaftler wissen nicht, wer die Verletzung zugefügt hat, unter welchen Umständen dies geschah und ob es sich um einen vorsätzlichen Schlag handelte. Theoretisch könnte sich der Mensch die Verletzung versehentlich zugezogen haben – beispielsweise bei einem Sturz, auf der Jagd, bei der Bearbeitung von Material oder bei einem anderen traumatischen Vorfall.

Warum die Heilung so wichtig ist

Wäre der Mensch sofort gestorben, hätte der Knochen keine Zeit gehabt, auf die Verletzung zu reagieren. Die Forscher stellten jedoch Anzeichen eines Remodellierungsprozesses fest – eines Vorgangs, bei dem der Knochen beginnt, sich zu regenerieren.

Das bedeutet, dass Qafzeh 25 die Verletzung überlebt hat. Wie lange er genau nach der Verletzung noch gelebt hat, lässt sich anhand dieser Daten nicht sagen. Doch allein die Tatsache der Heilung macht den Fund besonders bedeutsam: Wir haben es hier nicht einfach mit einer Schlagspur zu tun, sondern mit einer Schlagspur, nach der der Mensch weiterlebte.

Für Wissenschaftler wirft dies eine weiterreichende Frage auf: Wie gingen frühe Homo sapiens mit Verletzungen, Krankheiten und Verletzlichkeit um? Das Überleben nach einer schweren Verletzung beweist nicht immer, dass der Betroffene von der Gruppe ausgeschlossen wurde, macht jedoch die Diskussion über soziale Unterstützung plausibler.

Was wurde bei diesem Menschen noch gefunden?

Die Untersuchung ergab nicht nur die Verletzung. Bei Qafzeh 25 wurden auch bisher nicht beschriebene Zahnprobleme festgestellt: versteckte Karies am unteren Prämolaren sowie Defekte im Zahnschmelz. Diese Details tragen dazu bei, zu verstehen, welchen Belastungen und Erkrankungen frühe Homo sapiens ausgesetzt waren.

Dies ist eine wichtige menschliche Ebene. Oft betrachten wir alte Überreste als „Exemplare“ aus einem Evolutionslehrbuch. Hier jedoch wird die konkrete Lebensgeschichte eines Körpers sichtbar: Der Mensch aß, war krank, erlitt eine Verletzung, überlebte sie und wurde nach seinem Tod in einem Bestattungskontext beigesetzt.

Warum sprechen Wissenschaftler von einer Bestattung?

Die Autoren untersuchten zudem erneut, was nach dem Tod mit dem Körper geschah. Dies wird als taphonomische Analyse bezeichnet: Sie hilft zu verstehen, ob die Überreste von Raubtieren beschädigt wurden, ob der Körper lange Zeit an der Oberfläche lag, ob die Knochen verschoben wurden und wie sie sich erhalten haben.

Den Forschungsergebnissen zufolge ähneln die Beschädigungen weder Spuren von Raubtieren noch denen einer lang andauernden Verwesung im Freien. Der Erhaltungszustand des Skeletts lässt sich besser mit einer absichtlichen Bestattung in Einklang bringen. Dies unterstreicht die Bedeutung der Kafzeh-Höhle als einer der wichtigsten Fundorte für die Erforschung der frühen Bestattungsbräuche des Homo sapiens.

Gerade die Kombination dieser drei Merkmale macht den Fund so aussagekräftig: eine verheilte Verletzung, gesundheitliche Probleme und eine vermutlich absichtliche Bestattung.

Warum dies wichtig ist

Dieser Kiefer zeigt, dass das Leben der frühen Homo sapiens komplexer war als das einfache Schema „Jagd – Überleben – Tod“. In ihrer Welt gab es möglicherweise Konflikte, Verletzungen, Krankheiten, die Versorgung von Verwundeten sowie rituelle Handlungen mit den Leichen der Verstorbenen.

Die Studie beweist nicht, dass die Menschen vor 90.000 Jahren bereits organisierte Kriege führten. Das wäre eine zu weitreichende Behauptung. Doch sie liefert einen seltenen Beleg für mögliche Gewalt im Mittelpaläolithikum – einer Epoche, in der solche Spuren äußerst selten gefunden werden.

Noch wichtiger ist jedoch Folgendes: Der Urmensch verschwindet in dieser Geschichte nicht hinter dem trockenen Begriff „Fossil“. Er wies eine Verletzung auf, litt an Zahnerkrankungen, überlebte eine Verwundung und wurde nach seinem Tod wahrscheinlich bestattet.

Hintergrund

Die Kafzech-Höhle in Israel ist seit langem als eine der bedeutendsten Fundstätten früher Homo sapiens außerhalb Afrikas bekannt. Funde aus solchen Stätten tragen dazu bei, zu verstehen, wie sich unsere Vorfahren ausbreiteten, wie sie in der Levante lebten und welche Verhaltensweisen ihnen bereits eigen waren.

Bestattungen sind für Anthropologen von besonderer Bedeutung. Sie können nicht nur Aufschluss über den Tod geben, sondern auch über das soziale Leben: über die Einstellung zum Körper, zum Gedenken, zur Gruppe und zu den Verstorbenen. Solche Schlussfolgerungen erfordern jedoch stets Vorsicht, da es nach Zehntausenden von Jahren schwierig ist, einen absichtlichen Ritus von natürlichen Erhaltungsprozessen zu unterscheiden.

Auch Verletzungen sind schwer zu interpretieren. Eine Knochenverletzung kann die Folge von Gewalt, eines Unfalls, der Jagd, eines Sturzes oder einer postmortalen Beschädigung sein. Daher liegt der Wert der neuen Studie darin, dass die Autoren eine umfassende Analyse durchgeführt und aufgezeigt haben: Die Verletzung entstand zu Lebzeiten, hatte bereits begonnen zu verheilen und wurde wahrscheinlich durch einen scharfen Gegenstand verursacht.

Quelle

Studie: Ana Pantoja-Pérez et al., „A taphonomic reassessment of Qafzeh 25 and its implications for violence, health and funerary practices“, Scientific Reports, 2026.

Myroslav Tchaikovsky
schreibt über Archäologie bei SOCPORTAL.INFO

Unabhängiger Forscher, der sich für Archäologie und sakrale Geografie interessiert. Er erforscht diese Themen und schreibt über sie.

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