Nach 150 Jahren haben Wissenschaftler Darwins Vermutung über räuberische Pflanzen bestätigt

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Darwin hatte Recht: Die Alpenblume frisst tatsächlich Insekten
Morphologie von Saxifraga candelabrum. Quelle: Nature Communications (2026). DOI: 10.1038/s41467-026-75288-y.
22:00, 07.08.2026

Eine kleine Alpenblume, die zwischen den Felsen in den Bergen Chinas wächst, hat sich als regelrechter Raubtier erwiesen. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Saxifraga candelabrum kleine Insekten anlockt, sie mit klebrigen Härchen festhält, verdaut und aus ihrer Beute Nährstoffe gewinnt. Damit haben die Forscher eine These bestätigt, die Charles Darwin bereits im Jahr 1875 aufgestellt hatte.



Saxifraga candelabrum wächst in Höhenlagen von 2.500 bis 3.300 Metern im Südwesten Chinas. Die Pflanze muss in Felsspalten überleben, in denen nur wenige Nährstoffe vorhanden sind.

Ihre Stängel und Zweige sind mit klebrigen Härchen bedeckt. An diesen haften vorwiegend kleine Mücken. Bei der Untersuchung der Pflanzen in freier Natur stellten Wissenschaftler fest, dass sich an einem ausgewachsenen Exemplar durchschnittlich 71 gefangene Insekten befanden.

Spuren von Beute wurden zudem an 43 von 45 untersuchten Museumsexemplaren gefunden. Dies zeigte, dass die Blume ständig Insekten fängt und nicht nur gelegentlich oder zufällig.

Details

Die Wissenschaftler untersuchten, was genau die Insekten dazu veranlasst, sich der Pflanze zu nähern. Ein Teil der Blüten wurde mit einer durchsichtigen Haube abgedeckt, die die Ausbreitung des Geruchs verhinderte. Andere Pflanzen wurden mit einem Netz abgedeckt, das ihre Sichtbarkeit einschränkte.

Wenn der Duft unterbunden wurde, flogen die Insekten deutlich seltener heran. Die Forscher gehen davon aus, dass der Duft der Blüten der Pflanze hilft, potenzielle Beute anzulocken.

Dabei blieben größere Fliegen und Bienen, die die Pflanze bestäuben, in der Regel nicht an den Härchen hängen. Die Falle ist hauptsächlich auf kleinere Insekten ausgelegt. Auf diese Weise kann die Blüte gleichzeitig Nahrung aufnehmen und ihre Bestäuber bewahren.

Der entscheidende Beweis war der Stickstoff aus den Fliegen

Die bloße Tatsache, dass Insekten gefangen werden, reicht nicht aus, um die Pflanze als räuberisch zu bezeichnen. Sie muss in der Lage sein, ihre Beute zu verdauen und die gewonnenen Stoffe zu verwerten.

Wissenschaftler entdeckten auf den klebrigen Härchen eine Substanz, die dabei hilft, die Körper der Insekten aufzuspalten. Anschließend wurden der Blume Fruchtfliegen verabreicht, in deren Körper der Stickstoff mit einem speziellen, unbedenklichen Marker gekennzeichnet war.

Später wurde dieser Stickstoff im Inneren der Pflanze nachgewiesen, insbesondere in den Blüten und Früchten. Bei gewöhnlichen Pflanzen, die zu Vergleichszwecken an dem Experiment teilnahmen, fand ein solcher Transfer nicht statt. Die Forscher untersuchten zudem den Boden und schlossen die Hypothese aus, dass der markierte Stickstoff über die Wurzeln aufgenommen worden sei.

Dies bestätigte: Die Steinbrechpflanze fängt nicht nur Fliegen, sondern nutzt sie tatsächlich als zusätzliche Nahrungsquelle.

Was genau Darwin vorausgesagt hatte

In seinem 1875 veröffentlichten Buch über insektenfressende Pflanzen wies Charles Darwin auf die Klebehaare zweier anderer Steinbrecharten hin – Saxifraga rotundifolia und Saxifraga umbrosa. Er vermutete, dass sich diese Pflanzen von Insekten ernähren könnten, doch die ihm zur Verfügung stehenden Experimente lieferten keine schlüssige Antwort.

Die neue Studie befasst sich mit einer anderen Art derselben Gattung. Daher bestätigten die Wissenschaftler Darwins allgemeine Vermutung bezüglich der räuberischen Steinbrechgewächse, konnten jedoch nicht nachweisen, dass gerade die von ihm untersuchten Arten ihre Beute verdauen.

Warum diese Entdeckung die Wissenschaftler überraschte

Die meisten bekannten Raubpflanzen kommen in Mooren und an feuchten Standorten mit nährstoffarmen Böden vor. Saxifraga candelabrum hingegen wächst in trockenen Hochgebirgsregionen.

Optisch ähnelt sie weder der Venusfliegenfalle noch einer Pflanze mit großen, krugförmigen Fallen. Ihre Waffe sind fast unsichtbare Klebehärchen. Vermutlich dienten diese ursprünglich dem Schutz der Blüte vor pflanzenfressenden Insekten und entwickelten sich später zu einem Mittel der Jagd.

Ein Genvergleich hat gezeigt, dass bei der Steinbrechpflanze und anderen räuberischen Pflanzen unabhängig voneinander ähnliche Veränderungen entstanden sind, die mit dem Fang, der Verdauung und der Verwertung der Beute zusammenhängen. Die Rolle einzelner Gene muss jedoch noch durch weitere Experimente überprüft werden.

Warum dies wichtig ist

Die Entdeckung zeigt, dass räuberische Pflanzen weitaus vielfältiger sein können, als bisher angenommen. Einige auf den ersten Blick unscheinbare Blumen mit klebrigen Blättern oder Stängeln schützen sich möglicherweise nicht nur vor Insekten, sondern nutzen diese auch als Nahrungsquelle.

Allerdings belegt die Studie nicht, dass alle Steinbrecharten räuberisch sind. Bislang liegen vollständige Belege lediglich für Saxifraga candelabrum vor.

Quelle

Studie: Xin-Jian Zhang et al.

Identification of carnivory in the flowering plant Saxifraga via multidisciplinary evidence.

Zeitschrift: Nature Communications, 2026.

Mykola Potyka

Mykola Potyka verfügt über ein breites Spektrum an Kenntnissen und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen. Mykola schreibt auf interessante Weise über Dinge, die ihn interessieren.

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