30 Jahre lang hielten Archäologen diese Knochen für Rinderknochen – nun stellte sich heraus, dass es sich um einen Bären und ein Wildschwein handelte
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Über 30 Jahre lang galten einige Knochen aus einer alten Fundstätte im Westen Irlands als Überreste von Nutztieren. Der Fund war so bedeutend, dass er den inoffiziellen Namen „Kerry-Kuh“ erhielt und als einer der wichtigsten Belege für Kontakte zwischen den lokalen Jäger- und Sammlergemeinschaften und den ersten europäischen Ackerbauern bereits vor 4000 v. Chr. herangezogen wurde.
Nun haben Wissenschaftler die alten Fragmente mittels einer Proteinanalyse untersucht. Das Ergebnis war überraschend: Unter ihnen befand sich keine einzige Kuh. Die Knochen stammten von einem Bären und einem Wildschwein. Damit ist eines der bekanntesten Argumente für ein sehr frühes Auftreten von Haustieren in Irland faktisch hinfällig geworden.
Die „Kuh“ war älter als die ersten bekannten Bauern Irlands
Die Geschichte begann an der Fundstätte Ferriter’s Cove – einer kleinen Bucht auf der Dingle-Halbinsel in der Grafschaft Kerry.
Die Ausgrabungen dort fanden in den 1980er- und 1990er-Jahren unter der Leitung des Archäologen Peter Woodman statt. Unter den Steinwerkzeugen, Feuerstellen, Muschelschalen und Knochen wildlebender Tiere entdeckten die Forscher mehrere Fragmente, die sie aufgrund ihrer Form als Knochen von domestiziertem Rindvieh identifizierten.
Einer dieser Knochen wurde direkt auf die Jahre 4450–4270 v. Chr. datiert. Dies erwies sich als unerwartet frühes Datum: Zuverlässige Anzeichen für die Ausbreitung des neolithischen Ackerbaus in Irland tauchen erst später auf, etwa um die Wende vom 5. zum 4. Jahrtausend v. Chr.
Daher entstand eine faszinierende Hypothese: Möglicherweise hatten irische mesolithische Jäger und Sammler bereits einige Jahrhunderte vor der endgültigen Ausbreitung der Landwirtschaft auf der Insel Kontakt zu den Ackerbauern auf dem europäischen Festland.
Dieser Fund ließ die Archäologen jahrzehntelang keine Ruhe
Die „Kerry-Kuh“ passte schlecht in das übrige archäologische Gesamtbild.
Andere ebenso zuverlässige Belege für Haustiere dieses Alters konnten in Irland nicht gefunden werden. Daher schlugen die Forscher verschiedene Erklärungen für diesen ungewöhnlichen Fund vor.
Möglicherweise handelte es sich um ein Zeichen für einen sehr frühen, jedoch erfolglosen Versuch von Ackerbauern, sich auf der Insel niederzulassen. Möglicherweise gelangte das Tier gar nicht nach Irland, sondern den Jägern und Sammlern wurde auf irgendeine Weise ein Stück Fleisch aus Großbritannien oder Kontinentaleuropa zugestellt.
Wie dem auch sei, der berühmte Knochen tauchte weiterhin in wissenschaftlichen Publikationen als frühestes vermutetes Beispiel für ein domestiziertes Tier auf den Inseln Irland und Großbritannien auf.
Nun hat sich herausgestellt, dass es gar nicht nötig war, dieses Rätsel zu erklären.
Moderne Analysen haben etwas erkannt, was anhand der Form nicht zu bestimmen war
Das Team um Martin Musheron vom University College Dublin griff erneut auf das Originalmaterial aus Ferriter’s Cove zurück, das am University College Cork aufbewahrt wird.
Die Knochen wurden an das CNRS-Labor in Lille, Frankreich, geschickt und mittels ZooMS – Zooarchäologie durch Massenspektrometrie – untersucht.
Diese Methode ermöglicht es, die biologische Art anhand der im Knochen erhaltenen Kollagenmoleküle zu bestimmen. Verschiedene Tiergruppen weisen leicht unterschiedliche Proteinsequenzen auf, weshalb die Massenspektrometrie eine Art molekularen „Fingerabdruck“ liefert.
Die Methode ist besonders nützlich für kleine oder beschädigte Knochenfragmente, die sich allein anhand ihres Aussehens nur schwer zuverlässig bestimmen lassen.
Gerade ZooMS hat gezeigt, dass Proben, die zuvor Hausvieh zugeschrieben wurden, tatsächlich von einem Bären und einem Wildschwein stammen.
Einer der wichtigsten Beweise für frühe Viehzucht ist verschwunden
Die Folgen dieser Fehlidentifizierung sind erheblich.
Den Forschern zufolge gibt es nach dem Ausschluss der Knochen aus Ferriter’s Cove nun keine verlässlichen archäologischen Belege mehr dafür, dass domestiziertes Rind vor 4000 v. Chr. in Irland vorhanden war.
Damit entfällt auch das mit diesem Fund verbundene Argument für einen frühen Kontakt zwischen den lokalen mesolithischen Jäger- und Sammlergemeinschaften und den neolithischen Bauern.
Hier ist es jedoch wichtig, nicht in die entgegengesetzte Übertreibung zu verfallen.
Die neue Studie hat nicht bewiesen, dass die Landwirtschaft in Irland später aufkam, als bisher angenommen. Die grundlegende Chronologie des Neolithikums stützt sich auf eine Vielzahl unabhängiger Funde und hängt schon lange nicht mehr von einer einzigen „Kuh“ ab.
Ferriter’s Cove war in erster Linie eine Ausnahme vom Gesamtbild – ein außerordentlich früher und umstrittener Beleg. Nun ist diese Ausnahme verschwunden.
Die Geschichte des Aufkommens der Bauern wurde nicht von Grund auf neu geschrieben
Schon vor der neuen Analyse zeigten archäologische Daten, dass der eigentliche Übergang zur Landwirtschaft deutlich später stattfand als die vermeintliche „Kerry-Kuh“ vermuten ließ. Untersuchungen zur Chronologie des irischen Neolithikums weisen auf einen raschen Anstieg der landwirtschaftlichen Aktivitäten ab etwa 3750 v. Chr. hin.
Die neue Studie verändert vielmehr die Vorgeschichte dieses Übergangs.
Bisher konnte man davon ausgehen, dass Nutztiere oder Kontakte zu Ackerbauern bereits Hunderte von Jahren vor dem eigentlichen Neolithikum in Irland auftauchten. Nun kann der berühmte materielle Beleg für diese These nicht mehr herangezogen werden.
Dies führt das archäologische Bild zurück zu einem einfacheren Modell: Mesolithische Gemeinschaften lebten weiterhin von der Jagd, dem Sammeln und dem Fischfang, bis um 4000 v. Chr. auf der Insel wesentlich tiefgreifendere Veränderungen einsetzten.
Dafür ist ein neues Rätsel aufgetaucht – welche Bärenart in Irland lebte?
Die Neuidentifizierung der Knochen hat ein altes Rätsel gelöst und sogleich ein neues geschaffen.
Die Wissenschaftler haben bislang noch nicht festgestellt, zu welcher Bärenart die Überreste gehörten. Derzeit werden zusätzliche Analysen durchgeführt, die Aufschluss darüber geben sollen, ob es sich um einen Braunbären oder um ein Tier handelte, das genetisch näher mit den Eisbären verwandt ist.
Bären lebten tatsächlich im prähistorischen Irland, bevor sie dort vor einigen Tausend Jahren verschwanden.
Daher haben die Knochen selbst keineswegs ihren wissenschaftlichen Wert verloren, nachdem sie nicht mehr als „Kuhknochen“ identifiziert wurden. Im Gegenteil: Sie könnten potenziell neue Erkenntnisse über die Geschichte der irischen Bären und deren Aussterben liefern.
Bislang kann man jedoch noch nicht schreiben, dass Wissenschaftler im mesolithischen Irland einen Eisbären gefunden haben – die Art wird noch bestimmt.
Warum sich Archäologen jahrzehntelang geirrt haben könnten
Die Geschichte von Ferriter’s Cove verdeutlicht gut, warum Museums- und Universitätssammlungen von Zeit zu Zeit neu untersucht werden sollten.
Vor drei Jahrzehnten stützten sich Archäologen weitgehend auf die anatomische Form der Knochen. Ist nur ein kleines Fragment erhalten geblieben, ist es oft schwierig, ähnliche Skelettteile großer Säugetiere voneinander zu unterscheiden.
Moderne molekulare Methoden ermöglichen es, Informationen zu gewinnen, über die Forscher früher schlichtweg nicht verfügten.
ZooMS wird bereits zur Identifizierung schlecht erhaltener Knochen von Urmenschen und Tieren eingesetzt, und alte archäologische Sammlungen erweisen sich als besonders vielversprechendes Material: Manchmal sind für eine neue Entdeckung gar keine neuen Ausgrabungen erforderlich.
In diesem Fall genügte es, auf einige Knochen zurückzugreifen, die jahrzehntelang im Lager gelegen hatten, damit die berühmte „Kuh“ aus der irischen Vorgeschichte verschwand.
Quelle
Veröffentlichung:„No sacred cows: ZooMS identification of the Late Mesolithic bone assemblage at Ferriter’s Cove, Co. Kerry, Ireland“.
Autoren: Martin Moucheron, Graeme Warren, Kate Kanne, Benjamin Gearey, Margaret McCarthy, Barra Ó Donnabháin, Fabrice Bray, Lisa Garbé.
Ausgabe: PAST 113, Sommer 2026, The Prehistoric Society, Seiten 1–2.
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Unabhängiger Forscher, der sich für Archäologie und sakrale Geografie interessiert. Er erforscht diese Themen und schreibt über sie.











