Mit zunehmendem Alter verändert sich das Gehirn – doch die Fähigkeit, Sprache zu verstehen, bleibt nahezu unbeeinträchtigt

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Wissenschaftler haben herausgefunden, warum das Sprachverständnis auch im Alter erhalten bleibt
Das Gedächtnis lässt mit zunehmendem Alter nach, die Sprachfähigkeit bleibt jedoch erhalten – Wissenschaftler haben dies im Gehirn festgestellt
22:00, 24.08.2026

Mit zunehmendem Alter kann es für den Menschen schwieriger werden, Informationen im Gedächtnis zu behalten, schnell zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln oder neue Probleme zu lösen. Die Fähigkeit, Sprache zu verstehen, erweist sich jedoch als weitaus beständiger.



Wissenschaftler des MIT und der Universität Boston verglichen die Gehirnaktivität von 547 Personen im Alter von 17 bis 80 Jahren. Sie stellten deutliche altersbedingte Veränderungen in dem System fest, das mit dem Arbeitsgedächtnis und der kognitiven Kontrolle in Verbindung steht. Die Gehirnbereiche jedoch, die zum Verständnis von Sätzen und der Bedeutung von Sprache beitragen, funktionierten bei den älteren Teilnehmern fast genauso wie bei den jungen.

Das bedeutet nicht, dass sich Sprache und Sprechen mit zunehmendem Alter überhaupt nicht verändern. So kann es beispielsweise für ältere Menschen schwieriger werden, sich schnell an das richtige Wort zu erinnern. Doch das Gehirnsystem, das für das Sprachverständnis zuständig ist, erwies sich als deutlich stabiler als viele andere kognitive Systeme.

Details

Die Forscher interessierten sich für zwei Netzwerke.

Das erste ist das Sprachnetzwerk. Es wird aktiviert, wenn eine Person sinnvolle Sprache liest oder hört und die Bedeutung von Wörtern und Sätzen verstehen muss.

Das zweite ist das sogenannte „Multiple-Demand-Netzwerk“ oder Netzwerk der allgemeinen kognitiven Kontrolle. Es wird aktiviert, wenn es notwendig ist, Informationen im Arbeitsgedächtnis zu halten, sich zu konzentrieren, eine komplexe Aufgabe zu lösen oder schnell die Strategie zu wechseln.

Aus früheren Studien war bekannt, dass die mit dem zweiten System verbundenen Fähigkeiten mit zunehmendem Alter häufig abnehmen.

Das Sprachverständnis hingegen bleibt in der Regel relativ stabil. Bei manchen Menschen erweitert sich der Wortschatz mit zunehmendem Alter sogar – einfach deshalb, weil sie im Laufe der Jahrzehnte mit einer großen Anzahl von Wörtern und Texten in Berührung kommen.

Die Wissenschaftler wollten untersuchen, ob sich dieser Unterschied direkt in der Gehirnaktivität widerspiegelt.

Die Stichprobe umfasste 483 Personen im Alter von 17 bis 39 Jahren und 64 Teilnehmer im Alter von 41 bis 80 Jahren.

Während der Experimente setzten die Forscher die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) ein.

Ein wesentlicher Aspekt der Studie bestand darin, dass die relevanten Hirnareale bei jeder Person individuell bestimmt wurden, anstatt einfach eine Standard-Hirnkarte auf alle Teilnehmer anzuwenden.

Dies ermöglichte einen genaueren Vergleich darüber, wie groß die aktivierten Bereiche jedes Netzwerks sind, wie stark sie arbeiten und wie koordiniert sie miteinander interagieren.

Das Arbeitsgedächtnis veränderte sich tatsächlich mit zunehmendem Alter

Um das System der kognitiven Kontrolle zu aktivieren, wurde den Probanden eine Aufgabe zum räumlichen Arbeitsgedächtnis vorgelegt.

Beispielsweise mussten sich die Teilnehmer die Anordnung von Elementen in einem Raster merken.

Bei den älteren Menschen stellten die Forscher gleich mehrere Unterschiede fest.

Das aktivierte Netzwerk war im Durchschnitt kleiner. Die Stärke seiner Reaktion auf eine komplexe Aufgabe nahm ab. Einzelne Bereiche des Systems waren zudem schlechter aufeinander abgestimmt.

Und die Teilnehmer der älteren Gruppe selbst bewältigten die Arbeitsgedächtnisaufgabe im Durchschnitt schlechter.

Das heißt, die Veränderungen in der Gehirnaktivität entsprachen hier dem seit langem bekannten Verhaltensbild: Bestimmte exekutive Funktionen verlieren mit zunehmendem Alter tatsächlich an Effizienz.

Das Sprachverstehenssystem hingegen blieb nahezu unverändert

Ein ganz anderes Bild ergab sich für die Wissenschaftler bei der Untersuchung des Sprachnetzwerks.

Die Teilnehmer lasen Sätze, hörten Erzählungen an und führten Aufgaben durch, mit denen sich die Reaktion des Gehirns auf sinnvolle Sprache von der Reaktion auf bedeutungslose Folgen von Lauten oder wortähnlichen Elementen unterscheiden ließ.

Auch hier zeigten sich überraschend wenige altersbedingte Unterschiede.

Bei den älteren Teilnehmern blieben praktisch unverändert:

  • die Anordnung der Sprachareale im Gehirn;
  • die vorwiegende Spezialisierung der linken Gehirnhälfte;
  • die selektive Reaktion speziell auf sinnvolle Sprache;
  • das Ausmaß der funktionellen Vernetzung zwischen den Bereichen des Sprachnetzwerks.

Mit anderen Worten: Das System, das dem Menschen hilft, den Sinn aus Sätzen zu erschließen, funktionierte bei älteren Menschen nach fast demselben Prinzip wie bei jungen Menschen.

Die Wissenschaftler untersuchten zudem, was geschieht, wenn eine Person komplexeres sprachliches Material verarbeiten muss.

Beispielsweise stießen die Teilnehmer auf ein seltenes Wort oder eine ungewöhnliche grammatikalische Konstruktion.

Bei jungen Menschen steigt in solchen Momenten die Aktivität des Sprachnetzwerks an: Das Gehirn muss mehr Ressourcen für die Verarbeitung des komplexen Abschnitts aufwenden.

Bei den älteren Teilnehmern beobachteten die Forscher eine sehr ähnliche Reaktion.

Dies bedeutet, dass das Alter – zumindest innerhalb der untersuchten Stichprobe – nicht zu einer grundlegend anderen Art der Verarbeitung solcher sprachlichen Schwierigkeiten führt.

Die Aktivität war jedoch nicht vollkommen identisch.

Beim Vergleich von sinnvollen Sätzen mit sinnlosen Zeichenfolgen zeigten die Sprachareale bei der älteren Gruppe eine geringfügig stärkere Reaktion.

Der Unterschied war gering, aber statistisch signifikant.

Eine mögliche Erklärung ist die gesammelte Spracherfahrung. Je länger ein Mensch lebt, desto mehr Texte, Gespräche und Wörter durchlaufen sein Gehirn.

Die Studie belegt jedoch nicht, dass eine stärkere Aktivität ein „besseres Verständnis“ bedeutet oder dass das Gehirn mit zunehmendem Alter das Sprachsystem verfeinert.

Dies ist lediglich eine von mehreren möglichen Interpretationen.

Warum ein System schneller altert als das andere

Die Autoren stellen eine interessante Hypothese auf.

Das Sprachsystem ist hochspezialisiert. Es erfüllt jahrzehntelang einen relativ festgelegten Aufgabenbereich und erhält ständig neue Informationen.

Im Gegensatz dazu muss das System der kognitiven Kontrolle sehr flexibel bleiben. Es hilft dem Menschen, neue Probleme zu lösen, zwischen Aufgaben zu wechseln, Informationen zu behalten und sich an unerwartete Situationen anzupassen.

Möglicherweise ist es gerade diese universelle Flexibilität, die es anfälliger für altersbedingte Veränderungen macht.

Bislang handelt es sich jedoch um eine Hypothese und nicht um ein bewiesenes allgemeines Gesetz der Funktionsweise des Gehirns.

Die Studie zeigt zwar den Unterschied zwischen den beiden Systemen auf, liefert jedoch keine endgültige Erklärung dafür, warum sich das eine besser bewahrt als das andere.

Das bedeutet nicht, dass sich die Sprache mit zunehmendem Alter überhaupt nicht verändert.

Aus den Ergebnissen lässt sich leicht eine zu weitreichende Schlussfolgerung ziehen.

Die Wissenschaftler haben nicht nachgewiesen, dass bei Menschen bis zum Alter von 80 Jahren alle sprachlichen Fähigkeiten vollständig erhalten bleiben.

Die Studie konzentrierte sich in erster Linie auf die Funktionsweise des Hirnnetzwerks, das für das Sprachverständnis zuständig ist.

Sie deckt nicht in gleichem Maße alle Probleme ab, die mit zunehmendem Alter auftreten können: beispielsweise die Geschwindigkeit der Wortfindung, die Sprachflüssigkeit, das Verstehen von Gesprächen in lauten Räumen oder Situationen, in denen man sich einfach nicht an ein bekanntes Wort erinnern kann.

Solche Schwierigkeiten können tatsächlich häufiger auftreten.

Sie bedeuten jedoch nicht, dass das grundlegende System zur Sinnentnahme aus der Sprache im gleichen Maße beeinträchtigt wird wie bestimmte Funktionen des Gedächtnisses oder der kognitiven Kontrolle.

Die Studie weist eine wesentliche Einschränkung auf

Die Autoren haben nicht dieselben Personen über Jahrzehnte hinweg beobachtet.

Es handelte sich um eine Querschnittsstudie: Die Wissenschaftler verglichen gleichzeitig jüngere und ältere Teilnehmer.

Daher lässt sich nicht wörtlich sagen, dass die Forscher verfolgt hätten, wie sich ein bestimmtes Gehirn im Alter von 20 bis 70 Jahren allmählich verändert hat.

Die Unterschiede zwischen den Gruppen können nicht nur durch das Alter, sondern auch durch Bildung, Beruf, Lebensstil und generationenspezifische Unterschiede beeinflusst werden.

Zudem diente die zentrale Sprachaufgabe in erster Linie dazu, die Gehirnaktivität während der Wahrnehmung von Sprache und Text zu messen. Eine vollständige Testreihe zu allen sprachlichen Fähigkeiten der Teilnehmer war nicht Bestandteil der Studie.

Daher fällt die zuverlässigste Schlussfolgerung deutlich enger aus: Die untersuchten Merkmale des sprachlichen Netzwerks des Gehirns bleiben mit zunehmendem Alter wesentlich besser erhalten als die Merkmale des Arbeitsgedächtnisses und der kognitiven Kontrolle.

Was dies für das Verständnis des Alterungsprozesses des Gehirns bedeutet

Die Ergebnisse zeigen, dass es falsch ist, vom „Altern des Gehirns“ als einem einzigen, gleichmäßigen Prozess zu sprechen.

Verschiedene Systeme können sich mit völlig unterschiedlicher Geschwindigkeit verändern.

Das Netzwerk, das für die Lösung neuer komplexer Aufgaben erforderlich ist, weist bereits deutliche altersbedingte Veränderungen auf, während das spezialisierte System des Sprachverständnisses selbst bei älteren Menschen relativ stabil bleibt.

Dies könnte das bekannte Paradoxon erklären: Es fällt einem Menschen zwar schwerer, mehrere Dinge gleichzeitig im Kopf zu behalten oder eine neue Aufgabe schnell zu lösen, doch versteht er nach wie vor ohne größere Schwierigkeiten ein Gespräch, ein Buch oder einen komplexen Satz.

Das Gehirn verändert sich tatsächlich mit zunehmendem Alter – nur altern nicht alle seine Fähigkeiten gleichermaßen.

Quelle

Studie:„Preserved topography, lateralization, selectivity, and functional connectivity of the language network in older brains“.

Autoren: Anne Billot, Niharika Jhingan und Mitautoren.

Zeitschrift: Nature Communications, 2026.

Elena Rasenko

Elena Rasenko schreibt über Neuigkeiten aus Wissenschaft, gesunder Lebensweise und Psychologie und teilt ihre Tipps und Tricks zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

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