Warum Geschichten über Femme fatales in fast allen Nationen zu finden sind
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Das Bild einer Femme fatale ist aus Mythen, Märchen, Legenden und dem modernen Kino bekannt: Eine attraktive Fremde erscheint auf dem Weg des Helden, fasziniert ihn - und das Treffen endet in einer Katastrophe. Eine neue Studie hat gezeigt, dass eine solche Handlung in fast allen untersuchten Kulturen zu finden ist.
Es geht nicht darum, dass Frauen "von Natur aus gefährlich" sind. Die Forscherin analysierte folkloristische Motive, d.h. die Geschichten, mit denen Gesellschaften über Anziehung, Vertrauen, Angst vor Täuschung und das Risiko emotionaler Abhängigkeit erzählen.
Details
Studienautor William Jankowiak untersuchte folkloristisches und ethnographisches Material aus 84 Gesellschaften. Er interessierte sich für eine immer wiederkehrende Handlung: Ein Mann trifft eine schöne fremde Frau, verliebt sich in sie und muss dann Verlust, Demütigung, Tod oder andere schlimme Konsequenzen hinnehmen.
Die Studie ergab, dass das Motiv der "femme fatale" in 94 Prozent der untersuchten Gesellschaften zu finden war. Es wurde sowohl in eher egalitären Gemeinschaften gefunden, in denen Macht und Ressourcen relativ gleichmäßig verteilt sind, als auch in komplexeren Gesellschaften mit ausgeprägten sozialen und Besitzunterschieden.
Das ist wichtig, denn eine gängige Interpretation bringt solche Handlungen in erster Linie mit patriarchalischen Gesellschaften und der Kontrolle des weiblichen Verhaltens in Verbindung. Die neue Arbeit bietet eine umfassendere Sichtweise: Das Motiv könnte nicht nur soziale Strukturen widerspiegeln, sondern auch universelle menschliche Ängste rund um Liebe, Vertrauen, Partnerwahl und die Angst, betrogen zu werden.
Der Forscher stellt außerdem fest, dass es sich in den meisten Fällen nicht nur um eine zufällige Anziehung handelte. Wenn es möglich war, das Motiv des Mannes zu bestimmen, strebte er in 89 Prozent der Fälle eine Ehe, eine langfristige Beziehung oder eine tiefe emotionale Bindung an.
Mit anderen Worten, diese Geschichten warnten oft nicht so sehr vor kurzfristigem Verlangen, sondern vor den Gefahren einer starken Bindung an jemanden, den die Figur nicht gut kennt.
Warum das wichtig ist
Die Forschung zeigt, dass die volkstümlichen Geschichten über die "Femme fatale" nicht nur ein Produkt des modernen Films oder der Literatur sind. Sie haben tiefe Wurzeln und tauchen in sehr unterschiedlichen kulturellen Traditionen auf.
Solche Geschichten könnten die Rolle einer Warnung erfüllen: nicht zu schnell zu vertrauen, nicht nur der äußeren Attraktivität zu erliegen, in Beziehungen mit einem Fremden vorsichtig zu sein. Gleichzeitig könnten sie aber auch eine misstrauische Haltung gegenüber weiblicher Attraktivität aufrechterhalten und Stereotypen über Frauen als Quelle der Versuchung und Gefahr unterstützt haben.
Die wichtigste Frage ist heute also nicht nur, warum diese Geschichten entstanden sind, sondern auch, wie sie die heutigen Vorstellungen von Geschlecht, Liebe und Vertrauen beeinflussen.
Hintergrund
Das Bild der Femme fatale ist in der westlichen Kultur wohlbekannt, von mythologischen Wassergeistern und Verführerinnen bis hin zu Noir-Filmen und Mainstream-Kinofiguren. Aber ähnliche Motive finden sich weit über Europa und Hollywood hinaus.
In verschiedenen Traditionen kann eine solche Heldin ein Geist, eine Fremde, ein übernatürliches Wesen oder eine gewöhnliche Frau sein. Das allgemeine Muster bleibt dasselbe: Der Mann ist von ihrer Schönheit verzaubert, verliert die Vorsicht und zahlt einen zu hohen Preis.
Die Studie beweist nicht, dass solche Geschichten das reale Verhalten von Frauen widerspiegeln. Sie zeigt vielmehr, wie die Gesellschaften durch Mythen und Märchen über die Ängste gesprochen haben, die mit Intimität, Täuschung, Abhängigkeit und Kontrollverlust verbunden sind.
Quelle
William Jankowiaks Studie Wanting Beauty, Fearing Beauty: Mate Preference, Intimacy, Deception, and the Femme Fatale wird in der Zeitschrift Social Sciences 2026 veröffentlicht. Der Autor analysierte Folklore aus 84 Gesellschaften und untersuchte die Prävalenz des Motivs der attraktiven, aber gefährlichen Frau in verschiedenen Kulturen.
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